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James Turrell - the man, the vision
by Marco Ludwig
Gehe in Dich und grüße das Licht", gab einst die der Quäker-Bewegung angehörende Großmutter James Turrells ihrem Enkelsohn mit auf den Weg, wohl kaum ahnend, wohin dieser den 1943 in Los Angeles geborenen und heute gewiss bedeutendsten Lichtkünstler einmal führen wird: zu einer Serie von Lichtinstallationen, die sich der Grenzenlosigkeit des Himmels öffnen, ja zu Räumen, die aus ihm, dem Himmelslicht gemacht zu sein scheinen: den sogenannten SKYSPACES. Die hier abgebildete Licht-Raum-Installation mit dem Titel Knight Rise" gehört zu dieser bereits in den 70er Jahren begonnenen Serie, die für das Gesamtwerk des kalifornischen Künstlers bezeichnend ist. Knight Rise" entstand im Jahre 1991 und befindet sich im Museum of Contemporary Art in Scottsdale/Phönix im US amerikanischen Bundesstaat Arizona, dort, wo im Umkreis der kleinen Stadt Flagstaff, in der Painted Desert der gewissermaßen größte Skyspace Turrells, das RODEN CRATER PROJECT entsteht: ein erloschener, stiller Vulkan-Krater, dem James Turrell neuen Atem einhaucht", indem er ihn mit teilweise unterirdischen Gängen und Räumen versieht, die fast ausschließlich natürliches Licht der Himmelskörper empfangen und dabei diesem luftigen" Medium Form, Struktur und Materialität verleihen. Der Roden Crater ist James Turrells Lebenswerk , an dem er seit nunmehr 30 Jahren unentwegt arbeitet.
In der Arbeit von Turrell bedingen sich Licht und Raum gegenseitig, kommen zu einer organischen Einheit, das Eine formt das Andere. Licht ist für Turrell nicht Zutat zu einer unabhängig konzipierten Architektur. Vielmehr aktiviert es den Raum, füllt ihn atmosphärisch an. An den Skyspaces kann man deutlich erkennen: Der Innen-Raum steht in einer direkten Verbindung zum Außenraum. Turrell versteht den architektonischen Raum als a changeable, ephemeral appearance through light" und nicht, wie er auch sagt, als ãa functional, impermeable body". So entwickelte der Licht-Architekt 1997 zusammen mit dem Berliner Architektenbüro Becker Gewers, Kühn & Kühn eine permanente Außen-Installation für den Verwaltungsturm der HAUPTVERWALTUNG DER VERBUNDNETZ GAS AG in Leipzig, Deutschland. Das Konzept der Beleuchtung besteht darin, dass diese unmittelbar mit Energiekontrollsystem des Hauses zusammenwirkt: Dieses System ist in der Lage, selbsttätig auf Impulse der üußeren Umgebung wie Klima, Witterung und nicht zuletzt Lichtverhältnisse zu reagieren. Infolgedessen werden darauf Energiebedarf und eben die Beleuchtung im Haus abgestimmt. Das Ergebnis ist eine illuminierte Glasfassade, die in einem permanenten und direkten Wechselspiel zu den Bedingungen des Außenraumes steht. Mit Beginn der Abenddämmerung beginnt das Lichtspiel der Farbmischungen von Zartrosa über Orange und Rot bis zu den verschiedensten Blautönungen. Die Gebäudefassade ist hier nicht Trenn-Wand, sondern quasi durchlässige Membran", empfänglich für gewisse Außen-Impulse, die im Gebäude-Inneren u.a. in Licht verwandelt und nach außen abgegeben" werden. Es ist, als ob das Lichtspiel der Farbmischungen eine Form jener Energie ist, die sich bei jener Durchdringung, Verschmelzung" von Außen-Raum und Innen-Raum freisetzt. Eine solche Lichtarchitektur bricht die Ordnung und Dimensionalität architektonischer Volumina auf.
Auch dürfe Architektur das Bedürfnis nach einem größeren Raumempfinden nicht ignorieren, den psychologischen Zugang dazu nicht verstellen. Die Skyspaces werden diesem Anspruch gerecht: Sie geben den Blick in den Himmel, auf die Sterne frei. Wenn möglich in weniger dicht besiedelten Gegenden installiert, erschließen sie der menschlichen Wahrnehmung vor allem nachts Tiefendimensionen des Universums, die der heutige, allzu verschwenderische, unsensible Umgang mit Licht den Betrachtern entzieht. Die Selbstverständlichkeit elektrischer Lichterzeugung führt offenbar zu einer Art Über-Beleuchtung, die Allgegenwart von Licht gerade bei Nacht in Städten dazu, dass man in sie, das Dunkle, nicht mehr hinaussieht. Allzu viel Licht engt also die Wahrnehmbarkeit von Raum(-Tiefe) ein und trübt dementsprechend die Sinne für Licht ein.
Aber wie lässt sich zu einer wachen, intensiven Wahrnehmung von Licht zurückfinden? Gehe in Dich und grüße das Licht", erfuhren wir eingangs. Was kann diese Akzeptanz eigenen inneren Lichts bedeuten angesichts der soeben gestellten Frage bezüglich der WahrnehmungsfŠhigkeit von im Außen vorhandenem Licht? Eine ndere Serie von Lichtinstallationen des kalifornischen Künstlers gibt darauf eine Antwort: Die sogenannten DARK SPACES entstehen in den Jahren ab 1983 bis in die Gegenwart. Eine solche Installation richtete Turrell zum Beispiel in der Mattress Factory in Pittsburgh, Pennsylvania und im Museum of Contemporary Art in Los Angeles ein. Gemeinsam ist all diesen Arbeiten, dass die Besucher in einen Raum geführt werden, in dem absolute Dunkelheit zu herrschen scheint. Erst nach mehrminütiger Eingewöhnungszeit nehmen sie eine schwache Lichtzone innerhalb ihres Sichtfeldes wahr. Lichterregte" Bereiche scheinen sich durch den Raum zu bewegen, doch handelt es sich oft um Bilder, die von Nervenreizen in der Netzhaut des menschlichen Auges hervorgerufen werden, also von nachwirkenden Bildreizen, die man von draußen mitbrachte. In der Wahrnehmung der Besucher leuchtet also deren eigenes inneres Licht aüf und wirkt ineinander in das im (außeren) Raum sichtbare, tatsachlich gegebene, jedoch äußerst gering gehaltene Lichtquantum. Unbehagen mag den Betrachter befallen. Es ist die Folge von gerade im Dunkeln gesteigerter Sensibilität für sowohl inneres als auch äußeres Licht. Und so klärt Turrell darüber auf, dass das Dunkel als Gegenspieler" des Lichts als dessen ureigenste Voraussetzung erfahrbar ist. Der Lichtkünstler misst der Dunkelheit besonderen Wert bei, denn besonders in ihr fühle man die Gegenwart des Lichts: There is never no light, even when all the light is gone, you can still sense light" (Turrell).
Gerade indem Turrells Vorliebe dem zurückgenommenen, indirekten Licht gehört, verleiht er dem Medium eine außergewöhnliche Bedeutung. Licht zu fühlen, es zu taktiler Erspürbarkeit zu bringen, deutet an: James Turrell geht es um Licht als solches. Was ist damit gemeint? So wie Turrell Licht nicht zum nachträglich hinzukommenden Gestaltungselement herabwertet, so reduziert er es nicht zum bloßen Mittel der Be-Leuchtung von Objekten: My art deals with light itself. It`s not the bearer of revelation - it is the revelation", formulierte er einmal. In besonderer Weise erfährt man Turrells Umgang mit Licht als autonomes Designmittel in Licht-Räumen, die sich WEDGEWORK SERIES nennen. Hier werden Trennwände so in den Raum hinein verschoben und gleichzeitig verkürzt, dass durch deren keilförmige Anordnung und die im dazu entsprechenden Winkel an deren Ende angebrachten fluoreszenten Lichtquellen Licht gebündelt vorstrahlt und eine transparente Lichtwand entsteht. Diese Lichtwand wird als durchlässiger Film mit gläserner Oberfläche wahrgenommen. Durch ihn dringt der Blick in einen schimmernden Raum. Auf magische Weise zieht er die Besucher an. Angefüllt mit Atmosphäre aus nichts Anderem als Licht, gibt er den Besuchern das Gefühl, Licht körperlich zu spüren, es greifen zu können. Licht gelangt zu physischer Präsenz. Es verliert jeden gewohnten dekorativen Zweck und Sinn und gewinnt gerade dadurch sowie infolge seiner sublimen, fein austarierten Verwendung an gar raumsprengender Kraft. Gewohnt klar festgelegte räumliche Grenzen lösen sich in der menschlichen Wahrnehmung auf, das Raumgefüge ist nicht mehr klar definierbar. Was ist Begrenzung, was doch nur" nebelwandartige Schwelle zu einem neu sich auftuenden Raum? Welche Gewissheiten gibt mir meine Wahrnehmungsfähigkeit, fragt man sich verunsichert. Wo beginnt, wo endet der Raum, außen oder in mir selbst?
Fragen dieser Art thematisiert James Turrell mittels seiner Skyspaces auf spezifische Art und Weise. Wieder wird das Zusammentreffen von Innen- und Außen-Raum behandelt. Es findet hier statt an jenen Raumöffnungen zum Himmel hin. Diese liegen stets über der Horizontlinie. Im Falle von Knight Rise" ist die …ffnung oval, dem Grundriß des Raumes gemäß. Die Besucher eines Skyspace sitzen auf Bänken, die den nackten Betonmauern entlang verlaufen. Ansonsten ist der Raum mit keinem anderen Gegenstand" als Licht selbst ausgestattet. Es fällt von oben in den Raum ein und zeichnet sich tagsüber zuweilen auf den Wandflächen als geometrische Form ab, je nach Sonnenstand und Deckenausschnittform. Doch ist dieser Spot" eher eine Begleiterscheinung, hat mit Be-Leuchtung nichts zu tun. Auf was richtet sich nun aber die Aufmerksamkeit? Was nimmt der Besucher solch einer Licht-Raum-Installation wahr, wenn seinen optischen Sinnen jegliches beleuchtete Objekt entzogen ist? …ffnung und Schließung, Begrenzung und Weite - dieser Paarung und ambivalenten Wahrnehmung begegnet man immer wieder , lässt man sich auf Turrells Umgang mit Licht und Raum ein. In einer Installation wie Knight Rise" macht man die Erfahrung eines Raumes, der, wenngleich ganz zum Himmel geöffnet, dem Besucher ein Gefühl von Geschlossenheit vermittelt. Turrell erreicht dies, indem er die Kanten der durch Decke und Dach eingeschnittenen …ffnung so behandelt, dass sich eben jenes Phänomen einstellt: Man nimmt einen gläsernen Film wahr, der sich über die …ffnung zu spannen scheint und so räumliche Begrenzung vorgibt. Der unendliche Himmelsraum kommt optisch in die Ebene der Ausschnittfläche zu liegen, wird in die Fläche der Deckenöffnung heruntergeholt, gleichsam greifbar" oder zumindest nahbar" gemacht. Und dennoch tut sich wieder Weite auf: Eine unbestimmte Raumtiefe erstreckt sich jenseits dieser transparenten Schicht. Der Himmel lässt sich offenbar doch nur begrenzt habhaft machen, und während des Übergangs von Tag zu Nacht, der Dämmerung also, verwehrt er dem Betrachter in Knight Rise" den Einblick - die Deckenöffnung erscheint eindrucksvoll als opak bemalte Fläche. This is similar to when local city light at night illuminates the atmosphere and obscures the stars, or perhaps more closely analogous to the daytime lighting of the atmosphere which allows vision of no star save our own", erklärt Turrell dazu. Sind die Spaces des RODEN CRATER PROJECT erst einmal fertiggestellt, geplant ist 2005, werden sie - einem riesigen Auge, einem Observatorium ähnelnd - in einmaliger Weise den Himmel, seine mannigfaltigen Lichterscheinungen sehen und ihn ein Stück weit von dort oben" herabholen - eine besondere Erfahrung von Licht und Raum. Man wird sie James Turrell danken...
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